Referat 26/02/99
H.Kastner zur A0-Präsentation im Konzerthaus Wien:

"Ich bin virtuell, ich bin real."

In "Mann ohne Eigenschaften" schreibt Robert Musil:
"Wenn man gut durch geöffnete Türen kommen will, muß man die Tatsache achten, daß sie einen festen Rahmen haben: dieser Grundsatz, nach dem der alte Professor immer gelebt hatte, ist einfach eine Forderung des Wirklichkeitssinns. Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, daß er seine Daseinsberechtigung hat, dann muß es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen; sondern er erfindet. Hier könnte, sollte oder müßte geschehen; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist."

Die dem Architekten des öfteren gestellte Frage nach der Relevanz der virtuellen
Realität ist einfach beantwortet:

Baukunst ist seit eh' und je ein Zwitterwesen zwischen physisch existenten und imaginären Welten.

Spätestens mit dem Werk Piranesis ist der Nachweis geführt, daß Architektur Materie ist, ohne materialisiert sein zu müssen.

Auch die, vor einiger Zeit ausgestellten, Architekturmodelle der Renaissance, auch die Visionen der französischen Revolutionsarchitektur, die kristallinen Formen der Novembergruppe um Finsterlin und Taut belegen, daß virtuelle Realität in unserem Beruf zum gediegenen Handwerk gehört.

So hat der italienische Architekt Arduino Cantafora 1973, vielleicht intuitiv an der Schnittstelle der Postmoderne und der beginnenden breiteren Verfügbarkeit von computergestützten Design, mehrere baugeschichtliche Fragmente zu einem virtuellen Stadtraum assembliert, nämlich zur "citta analoga" (und das in Form eines Ölgemäldes).

In erster Linie sind jedoch all diese
Instrumente - Skizzen, Pläne, Modelle, Animationen - immer nur selbst Bestandteil ihrer eigenen Realität. Die wahre virtuelle Realität findet vor dem geistigen Auge des Architekten statt.

Der Philosoph Viktor von Weizsäcker schreibt in seinem Werk "DER GESTALTKREIS, Theorie von Wahrnehmen und Bewegen":

"Denken wir an unsere Orientierung in der Stadt, in der wir leben. Sie beruht nicht etwa auf einer vollständigen Kenntnis des Stadtplanes (der selbst ein repräsentatives Symbol oder Schema von Abbildungscharakter ist), sondern auf einer Kunstwelt von Eindrücken einzelner Häuser, Ecken, Kreuzungen, Abständen, Richtungen usw., die nicht durch das geometrische Ordnungsschema, sondern durch die Reihenbildung gewohnter Wege, zu gewohnten Zielen, an gewohnten Tageszeiten usw. beruht.
Man wird das Gesamte von Wahrnehmungen dieser "Kunststadt" deswegen ebensowenig als ein Phantasiegebilde oder Willkürprodukt wie als eine Reizentsprechung bezeichnen. Zwar habe i c h ohne Zweifel diese Kunstwelt erzeugen helfen, aber sie ist darum nicht minder d i e Stadt, in der ich wohne, keine unwirkliche und keine andere."

Darüberhinausgehend ist der Architekt jedoch in der Lage, mit seiner spezifischen Wahrnehmung und Projektion in diese reale Kunstwelt hinein eine virtuelle konfigurieren zu können. Ähnlich des scheinbar gleichzeitigen Erkennens von Wappen und Zahl bei einer sich schnell drehenden Münze, schieben sich Bilder verschiedener Stofflichkeiten übereinander.

Mit solchen Möglichkeiten ausgestattet, ist der Architekt geradezu prädestiniert, das Missing-Link zwischen einer immer breiter erschlossenen künstlichen Welt und der materialisierten Welt zu sein.
Bezogen auf ein anderes Kriterium der Visualisierung von Architektur könnte man auch die bauliche Umsetzung eines Projektes als re-scanning der Projektion ins Begreifbare bezeichnen.

In seinem ureigenen Aktionsfeld in seiner Produktionsmethodik bekommt der Architekt
mit der medialen Virtualität ein Instrument an die Hand, mit dem er sich im angewandten, projektorientierten Prozeß wieder die Hegemonie über den Raum aneignen kann.

Dazu muß bewußt sein, daß der Raum ohnehin vorhanden ist , so daß lediglich zu klären ist, in welcher Weise er eingehüllt, eingegrenzt, parzelliert wird. Und diese Vorgaben muß der Architekt vor seinem geistigen Auge entwickeln.

Sie können den Computer mit noch so lose gestrickter Syntax und Beimischung von Zufallsfaktoren den Raum generieren lassen, das Spiel zwischen Chaos und Ordnung aus dem Architektenhirn wird er nie beherrschen.

In Zeiten, da sich Bauentscheidungen nicht ausschließlich auf Baukosten begründen
wie wohl sich Architektur aus dem Bogen zwischen der Anarchiemaschine eines Tinguely und der präzisen Raumskulptur eines Naum Gabo lukriert, die Casa ex Machina ist - zumindest noch - nicht erfunden werden, sondern energetische Bewirtschaftung, kalkulierbare Lebensdauer und flexible Nutzungen im gleichen Maß Ausschlag geben, müssen Architekten den frei werdenden Gestaltungsspielraum sofort besetzen.

Die die Werte in Frage stellenden Auseinandersetzungen sollen in eine Art De-Rationalismus geführt werden, die formal weitgefaßt ist und inhaltlich radikal eingreift.

Es muß uns gelingen, die Gesellschaft zu einem räumlichen Bewußtsein zu verführen, dazu, sich Raum zu verschaffen, mit Raum umzugehen, Raum als Lebensnotwendigkeit für ihre "Res Publica" zu erachten.

So liegt letztendlich das immens größere Spannungsfeld nicht zwischen Real und Virtuell, sondern zwischen Realismus und Virtuosität.